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Pîlemaker, Pîlestikker - Pfeilmacher

Pfeilmacher (pilestikker, -maker)
Pîlemaker‘ oder -stikker‘ ist mittelniederdeutsch u. bezeichnet das Handwerk des Pfeilbauers. Die Tätigkeit des Pîlemakers nannte sich ‚pîle sticken’, was übersetzt soviel bedeutet wie „Pfeile gebrauchsfertig machen“. Dazu gehörte das Schäften, befiedern u. ‚sticken‘ - das Aufstecken der Spitzen. Eine andere Berufsbezeichnung war deshalb 'Pîlesticker'.
Abb. re.: Pfeilmacher bei der Arbeit, 14. Jh., engl.
Pfeilmacher, engl. 14. Jh.
Wolfenbuetteler Sachsenspiegel, Zweites Buch Landrecht, Artikel 35, fol. 35 r
Bogenschütze trifft einen Mann, weshalb er diesem Wergeld zahlen muß. Wolfenbütteler Sachsen-spiegel, 2. Buch Land-
recht, Art. 35, fol. 35 r

Armbrust, Köcher - Original
Armbrust, Holzköcher für Pfeile, Original, 1490 ,Schluderns, Südtirol, Churburg

Bogen- und Armbrustpfeile
Die Schriftquellen kennen keine Unterscheidung zwischen Bogen- und Armbrustpfeilen, was es erschwert zu entscheiden, ob es sich um Pfeile für Bögen oder Armbrüste handelt. Es ist überwiegend von pîl bzw. im plural pîle die Rede. Der moderne umgangssprachliche für Armbrustpfeile angewandte Begriff "Bolzen" ('bolte, bolten') wird vereinzelt auch auf Pfeile, ebenfalls ohne genaue Bestimmung, ob es sich um Bogen- oder Armbrustpfeile handelt angewandt, ist aber ansonsten kein zeitgenössicher Begriff.

Im Zusammenhang mir Fertigung oder Kauf wird pauschal nur von 'pilen' gesprochen, so dass sicher davon ausgegangen werden kann, dass der Pîlemaker beides anfertigte.

Der Beruf des Pilemaker oder -stikker
So massenhaft Pfeileinkäufe in den Schriftquellen nachweisbar sind, so schwierig ist es die Produzenten - die Pilemaker oder -stikker - vor Ort zu identifizieren. Nach Ausweis vieler norddt. Kämmereiregister war es in der in der 2. Hälfte d. 15. Jh. üblich geworden, die Pfeile in großen Kontingenten von reisenden Händler einzukaufen.

Für Hannover konnte der Nachweis für die Existenz des Berufsbildes des Pilestikkers kürzlich erbracht werden. Die Kämmereiregister geben Auskunft über die Existenz von mind. zwei hauptberufliche Pfeilmachern.

Hinrik Holste - Auf den Spuren eines Pfeilmachers
1429-34, im Kontext der sog. „Spiegelberger Fehde“, die mit der Belagerung und der Zerstörung der Burg Hallermund (Springe) endete und bei der die sächsischen Städte, so auch Hannover Hilfestellung leisteten, wurden zum einen größerer Kontingente an Pfeilen benötigt, zum anderen ermöglichte die Teilnahme an dem Feldzug zahlreichen Handwerkern die Erlangung des Bürgerrechts und den sozialen Aufstieg.

1429 wurden die Pfeile noch bei verschiedenen Personen eingekauft, von denen aber keine explizit als ‚Pilestikker‘ ausgewiesen ist. Johnnes van Naghe(l) erhielt für eine unbestimmte Anzahl an Pfeilen 10 Schilling. Es handelt sich mutmaßlich um den, kurz darauf verstorbenen Vorsteher der Kaufmannschaft Johann Nagel. Zeitgleich erscheint gleich dreimal der Name „Holsten“ als Verkäufer von unbestimmten Mengen an Pfeilen.

Auch im folgenden Jahr, 1430 tritt „Holsten“ als Verkäufer von Pfeilen in Erscheinung. Die größten Kontingente (insges. 16 Schock) aber werden von „Arnd Borchwarden dem smede“ abgekauft.

Offenbar gab es zu diesem Zeitpunkt schon einen hauptberuflich tätigen Pfeilmacher, nur nicht in Hannover. Gleich 3 x kaufte der Rat bei „Heneken pilstikker to rickelinge“ Pfeile ein. Ricklingen war ein Dorf im Südwesten Hannovers.

Item xxviii ß  vor v schove pile Heneken pilstikker to Rickelinge - Lohnregister 1430, StAHan NAB 7061, fol. 35
"Item xxviii ß  vor v schove pile Heneken pilstikker to Rickelinge", StA Han., Lohnregister 1430, StAHan NAB 7061, fol. 35

1434 scheint sich in Hannover "Holsten"als Pfeilmacher etabliert zu haben, denn sämtliche Anschaffungen von Pfeilen kommen nun von „Holsten“ und „Hinrik. Ausdrücklich heißt es nun mehrfach „xxxvi ß vor xii schok pile Holsten to stickende“, also Holsten für die Anfertigung von Pfeilen. Zeitgleich erscheint auch die Anrede als „Mester“ Hinrik. Als letzte Bestätigung von Tätigkeit und Titel heißt es dann „mester Hinrik dem pilstickere“.

In der 2. Hälfte des 15. Jh. (1450-69) erscheinen im Haus- und Verlassungsbuch noch weitere Personen mit dem NachnamenPilsticker“  (Hermen Pilsticker, 1466 sein Sohn Johann Pilsticker). Ob diese beiden noch dem Handwerk des Pfeilmachers nachgingen oder sich der Nachname als Überbleibsel der Tätigkeit ihrer Vorfahren bezieht, ist noch nicht geklärt.
Tatsache ist, dass ab den 1480er Jahren Pfeile offenbar von fahrenden Händlern eingekauft wurden, denn keiner der Personen die Geld für Pfeile erhielten übte diese Handwerk aus.

StA Han, Lohnregister 1434, NAB 7061, fol. 146
„Item vor xv ß vor iiii schok pile dem mester Hinrik dem pilstickere“, StA Han., Lohnregister 1434, NAB 7061, fol. 146

Wie lebte „Mester Hinrik Holsten, de pilestikere
Das „Mester Hinrik de pilestikere“ und „Holsten de pilestikereein und dieselbe Person sind, ergab sich aus der Auswertung des Bürgerbuches. Hinrik Holste, Sohn von , Gherken Holstens erlangte schon 1429 das Bürgerrecht und war anscheinend auch von der Zahlung des Bürgergeldes befreit (nihil). Angaben zum Steueraufkommen gibt es zu diesem Zeitpunkt noch nicht.

Scheinbar konnte man von der Herstellung von Pfeilen ganz gut leben. Im Schnitt kostete ein Schock (60 Stk.) Pfeile ± 3 Schilling. Das klingt wenig, war aber eine Menge Geld.
Zum Vergleich:
Für 3 ß gab es 1 Ferkel oder 1 Schaf oder 1 paar einfache Schuhe; für 6/7 ß erhielt man 1 Schwein oder 3,5 Liter Klaret oder 200 Liter Kellerbier; 100 Pfund entsprachen dem Jahressalär des Stadthauptmanns oder knapp 2 Ochsen oder ca. 6000 Litern besten Einbecker Bieres.

Eintrag Hinrik Holste, Neubürger, Liber burgensium, StA Hannover, NAB 8310, fol. 42
Eintrag Hinrik Holste, Neubürger, Liber burgensium, StA Hannover, NAB 8310, fol. 42

Jedenfalls verfügte Hinrik Holste zum Zeitpunkt seiner Einbürgerung über den dazu notwendigen Grundbesitz. Seit 1429 war er Eigentümer des Hauses mit der Schoßnr. 247 (Domus) im Leinstraßenviertel (heute Burgstr. 28).

Als hauptberuflicher Pfeilmacher scheint er dann an der sog. Spiegelberger Fehde (1433/34 od. 34/35) ganz gut verdient zu haben, denn 1435 verkauft er das Haus an Henneke Schmachtheger (Qwerliges) und kaufte sich das Haus Nr. 174 im Kobelingestratenviertel (achter des hilligen Geistes dore) (heute Burgstraße 5), ein vollberechtigtes Bürgerhaus mit Braurecht. Dies hielt er gemeinsam mit seinem Bruder Hans.

Die Hypothekenbelastung war nicht ganz ohne: 24 Florin schuldet er Frederik Grove; 1455 gingen 45 Gulden an Hans van Lunde u. 1465 u. 168 nochmals 14 Pfund an Bartold Stolle u.a. 1475 verkaufte er das Haus; 50 Jahre später befindet es sich im Besitz der Fam. Flebbe (Cinemaxx-Flebbe).
Abb. re
: Einträge über Kauf und Hypothekenbelastung Haus Leinstraße 247 (fol. 166) sowie über Kauf und Belastung von Haus Nr. 174 im Köbelingerstraßenviertel. Haus- und Verlassungsbuch 1428-1538, StAHan., NAB 8240, fol. 120 (zum Vergrößern auf Bild klicken).

Haus Hinrik Holste Leinstraße - Haus- und Verlassungsbuch 1428-1538, StAHan. NAB 8240, fol. 166

Köbelingerstr. - Haus- und Verlassungsbuch 1428-1538, StAHan. NAB 8240, fol. 120

Kämmereiregister 1429-35, StA Hannover, NAB 7061; fol. 134
Für seine Bürgerpflicht bei der Stadtverteidigung ging er ganz mit der Zeit. Nicht als Armbrustschütze übte er seinen Wehrdienst aus. 1434 wird er beim Verkauf von 7 Schock Pfeilen als „mester hinrik de busse schutte“ tituliert (vgl. Abb. li.).

Quellen: Kämmereiregister 1429-35, StA Hannover, NAB 7061; Liber burgensium, StA Hannover, NAB 8310, fol. 42; Haus- und Verlassungsbuch 1428-1538, StA Hannover NAB 8240, fol.  166, 120.

© RK

Pilstiker
Pilemaker. Visualisierung "Vechtischer Markt" (2008)
Pilemaker, Vechta
Pilemaker. Visualisierung "Vechtischer Markt" (2008)
Pilemaker
Pilemaker beim Schäften. Visualisierung Soester Fehde (2009)
Armbrustschütze, Visualisierung Soester Fehde 2009
Armbrustschütze um 1450, Visualisierung Soester Fehde (2009)
Armbrustschütze mit Holzköcher, Visualisierung Coburg
Armbrustschütze mit Holzköcher, Visualisierung Coburg (2007)
Armbrustpfeil, Gebrauchstest
Armbrustpfeil, Testverfahren, Lindoso, Portugal (2006)
Einsatz Fernwaffen, Soester Fehde 2009
Einsatz Fernwaffen, Visualisierung Soester Fehde (2009)







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