Seit dem 13. Jh. war die Geldwirtschaft nicht mehr aufzuhalten. Damit einher gingen Einführung der arabischen Zahlen, des modernen Rechnungswesen (doppelte Buchführung) und eines weit verzweigten Bankenwesens, welches Kredite, bargeldlosen Geldtransfer und Wechsel ermöglichte. Der Handel und die "Weltwirtschaft" boomte. Die Hanse und die norditalienischen Seestädte
beherrschen vollständig den Seehandel von China bis Island, vom Nordkap bis zum Äquator. Handelskontakte knüpfte man auf den große überregionalen Messen Auf den Märkten der großen Städte gab es fast alles zu kaufen. Und selbst die englische Krone war nun käuflich!
Verwaltung
Grundlage
des Aufstiegs der Städte war die Ausbildung eines effektivenVerwaltungsapparates. Im 14. und 15. Jh. entstand unsere heutigen
Kommunalverwaltung.Rat, Ausschüsse, Kämmerei, Ordnungswesen,
Registratur, Stadtarchiv, der "öffentliche Dienst" schlechthin sowie
Hypotheken- und Katasterbücher haben sich bis heute fast unverändert
gehalten.
Die
Finanzverwaltung oblag den jährlich wechselnden Stadtkämmerern (Löhne,
Marstall, Rente- und Leibgeding). Sie rechneten über die Ein- und
Ausgaben der Stadt in den Steuer-, Lohn-, Marstall-, Pfand- und
Rentenregistern ab. Die Stadtschreiberei hingegen erstellte Urkunden, Verträge sowie die Einträge in
Stadt-, Kopial-, Ratsdenke-, Bürger-, Statuten- und Katasterbücher. In manchen Städten war der Schreiber auch dem Kämmerer zugeordnet und führte dessen Bücher. Da
man jederzeit in der Lage sein musste sich über die Rechte der Stadt
und ihrer Bürger Auskunft zu verschaffen, wurden die Verwaltungsakten
im Stadtarchiv verwahrt, welches in die Kompetenz des Kämmerers,
seltener des Stadtsschreibers fiel. Die schnell wachsenden Bestände
deponierte man in einem Turm, Kirche oder einem speziellem Zweckbau.
Die Archive gehören damit zu den ältesten kommunalen Einrichtungen.
Geschrieben wurde vorwiegend auf Papier. Papiermühlen sorgten im 15.
Jahrhundert - mit ca. 100-jähriger Verspätung gegenüber Westeuropa - in
Deutschland für eine flächendeckende Versorgung. Nur besondere
Dokumente schrieb man weiter auf das teure, aber unendlich haltbare und nicht brennbare
Pergament.
Städtebünde,
Hanse, Tohopesaten
Der Niedergang des dt. Königtums führte seit dem 13. Jh. zur Bildung
von Städtebünden. Ziel war die Sicherung des Friedens und Handels sowie
Schutz vor den erstarkenden Territorialherren. Der ursprüngl. als
"Deutsche Hanse" auftretende Kaufmannsbund wandelte sich im 14. Jh. zu
einem Städtezusammenschluss. Es gibt kein "offizielles" Gründungsdatum,
als Städtebund tritt die Hanse erst im 14. Jh. auf den "Hansetagen" in
Erscheinung. Es war ein lockerer Verband nord-, nordwest- und
nordostdeutscher Städte zur Nutzung von Handelsprivilegien und konnte
wirtschaftlich großes politisches Gewicht und Druck ausüben, war aber
kein politischer Körper. Es handelte sich um ein relativ locker
geknüpftes Netz, das sich aber bei ernsteren Belastungen sofort
zusammenzog. Die "Tohopesaten" waren eine typisch norddeutsche Form der
mittelalterlichen Städtebündnisse im 15. Jh. Die Bündnisse dienten in
erster Linie wirtschaftlichen oder friedensrechtlichen Interessen.
Meist waren es aber Schutz- und Hilfebündnisse. Mitglieder waren die
Seestädte von Hamburg, Bremen über Lübeck, Rostock, Wismar, Stralsund
und Danzig bis Dorpat, Riga und Reval, fast alle sächsischen
(Magdeburg, Braunschweig, Halle, Halberstadt, Goslar, Göttingen,
Northeim, Einbeck, Hildesheim, Hannover etc.) und
westfälisch-rheinischen Städte (Münster, Dortmund, Soest, Paderborn,
Herford, Minden, Osnabrück etc. bis Deventer). Man kann von einem
gesamtniederdeutschen Bündnisnetzwerk sprechen. Es reichte von der
dänischen Grenze bis nach Südniedersachsen und von den niederländischen
bis zu den baltischen Hansestädten.
Stadtleben am Ende des "Mittelalters"
Ende des 15. Jh. hatte die städtische Gesellschaft die Weichen für die Zukunft gestellt. Die enorme Zuwanderung in die Städte hatte eine Menge Probleme mit sich gebracht. Auf Hygiene und Sauberkeit wurde deshalb sehr geachtet, wie das ausgeprägte Badewesen im Mittelalter zeigt und selbst für die Ärmsten wurde einmal die Woche ein sog. "Seelenbad" gestiftet. Schon bald sah man sich gezwungen, die Infrastruktur auszubauen. Straßen wurden gepflastert - und regelmäßig gereinigt, Wasserleitungen verlegt. Und auch das heute wieder aktuelle "Cross-Border-Leasing" - die Verpachtung kommunaler Einrichtungen - gab es schon: Städte verpachteten die Rechte an den Einnahmen aus der Wasserversorgung. Im Gegenzug musste der Pächter für Instandhaltung und Ausbau des Röhrensystems sorgen.1
Streng wurde auf die jährliche Entleerung der Kloaken, die hinter jedem Haus lagen und deren Isolierung geachtet. Man hatte aus den Pestzeiten gelernt. "Industriebetriebe" wurden ausgesiedelt, erste "Umweltschutzstatuten" wurden erlassen, die Stadtwälder unter Schutz gestellt. Mit Erfolg, denn im 15. Jh. häufen sich chronikalische Meldungen darüber, dass "Flüsse wieder Fische führen", "man wieder Wäsche dort waschen kann" und sich die Stadtwälder wieder erholten.
Für
die Versorgung der Alten, Armen, Kranken und Behinderten gab es in
jeder Stadt gleich mehrere Hospitäler; zusätzlich zu denen der
städtischen Mönchsorden und den Beginenhäusern. Neben Wundärzten (Chirurgen),
Badern und Hebammen wurden im 15. Jh. zunehmend "studierte" Stadtärzte
eingestellt.
Städtische Schulen bereiteten die Bürgersöhne auf ihr Studium in Heidelberg, Paris, Bologna, Cambridge vor. Durch sie wurde das römische Recht in den Städten zur Grundlage der Rechtssprechung. Die Erfindung des Buchdrucks
mit beweglichen Lettern in der 1. Hälfte des Jh. führten zu einem
rapiden Anstieg an Publikationen - und zur Einrichtung städtischer Bibliotheken.
Im
15. Jh. überschritten die Städte aber auch den Zenit ihre
Unabhängigkeit und Macht. Die Territorialherren holten sich zunehmend
ihre angestammten Rechte zurück. Der Ausbau der Territorialstaaten und die fast völlige Bedeutungs- und Machtlosigkeit des deutschen Königtums leitete auch das Ende der städtischen
Autonomie ein. _____________________________ 1Ratspersonen schließen einen Vertrag zwischen Albert Flor und den
Bürgern zu Hannover, die den Lynderborn haben. Albert erhält auf zwölf
Jahre die Hovetpipe und muß sich verpflichten, die alten Röhren
fortzunehmen und neue zu legen. Dafür soll ihm ein jeder jährlich zehn
Solidi geben. 1451, StAHan, Ratsdenkebuch 8264, 029.