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Archäologische Quellen (Realien)
Geschichtswissenschaft und Archäologie
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Noch heute wird unter „Mittelalterliche Geschichte“ vornehmlich das auf der schriftlichen Überlieferung beruhende Bild dieses Zeitalters verstanden. Geschichte ist nach diesem Verständnis nur, was mal aufgeschrieben wurde.1 Während die Geschichtswissenschaft eine über 200-jährige Tradition hat, ist die „Mittelalterarchäologie“ noch eine sehr junge Disziplin. Erste Ansätze gab es in den 1960er Jahren, etabliert ist sie erst seit den 1980er Jahren.
Stadtgeschichte und Stadtarchäologie
Seit den 1970er Jahren beschäftigt sich die Archäologie auch mit der Erforschung der Sozialtopographie mittelalterlicher Städte.
Die Stadtgeschichtsforschung,
ein sehr altes Forschungsgebiet (19. Jh.), befasst sich mit der
Stadtgründung, den politisch Handelnden, mit Stadt- und
Verfassungsrechtlichen Fragen, der Entstehung des „Bürgertums“, der
Organisation der Handwerke, der Verwaltung und der Stadtverteidigung.
Diese Ergebnisse werden von der Stadtarchäologie ergänzt und visualisiert.
Sie erhellt den Stadtentstehungsprozess, dokumentiert Bebauung und
Veränderungen, belegt „bürgerliches“ Selbstbewusstsein und städtische
Autonomie durch den Bau öffentlicher Gebäude (Rathaus, Bürgerkirche,
Stadtbefestigung) und den technischen Fortschritt in der Infrastruktur
(Wasserver- und Entsorgung, Abfallbeseitigung, Hygieneverhältnisse,
Straßenpflasterung), ergänzt das Wissen zu Arbeitsprozessen und
Handwerk und gewährt uns vor allem einen Einblick in den alltäglichen Lebenslauf der Stadtbewohner.
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Das „Archiv im Boden“ - Quellen zur Alltagsgeschichte
Nun geht es bei „Living History“ in erster Linie um „Realien“, um die materielle Kultur des Mittelalters, um Gegenstände des Alltags, wie Kleidung, Geschirr, Möbel, Werkzeug usw. Während die Schriftquellen aus den „Archiven“ das soziale, kulturelle, politische, religiöse und wirtschaftliche Miteinander dokumentieren („subjektorientierte Darstellung“), belegen archäologische Quellen die realen Auswirkungen menschlicher Aktivität. In dem materiellen Niederschlag spiegelt sich Denken, Fühlen und Handeln der Menschen wieder („objektbezogene Ergänzung“). Dieses „Archiv im Boden“ vermittelt uns eine ungefähre Vorstellung davon, wie die Lebensbedingungen damals waren.2
Die Archäologie ergänzt also das Wissen zum Mittelalter um die Aspekte, die aus schriftlichen Quellen nicht zu gewinnen sind. D.h. andersherum, dass die Einbindung anderer Quellengattungen eine sehr wichtige Rolle spielt. Bildquellen helfen, die Funde in funktionale oder soziale Zusammenhänge zu stellen. Am wichtigsten aber sind die Schriftquellen, mit deren Hilfe die archäologischen Befunde überhaupt in einen historischen, sozialen und kulturellen Kontext gestellt werden können.3
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Interpretation – „Fund“ und „Befund“
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Wichtig ist die Unterscheidung zwischen „Fund“ (auch "Artefakt") und „Befund“. Der Einzelfund hat nur eine gegrenzte Aussagekraft,
da er zunächst erst einmal nur für sich steht und i.d.R. nur für
Fachwissenschaftler einen Wert darstellt, da nur diese das Artefakt in
einen Kontext stellen können. Deshalb ist es nicht undenklich, einfach
ein Artefakt zu nehmen und nachzubilden.
Wichtiger ist der „Befund“. Das sind die messbaren Fundumstände bzw. der Fundkontext.
Im ersten Schritt werden im Befund sichtbare Strukturen wie Mauern,
Abfallgruben, Schichten usw. beschrieben. Wissenschaftlich noch
bedeutender sind die nicht auf Anhieb sichtbare Strukturen wie Fundkonzentrationen, Muster der Fundverteilung, Erhaltungszustand, Bodenverfärbung usw. Befunde finden Eingang in die für Laien recht schwer zugängliche und verständliche Forschungsaufsätze.
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Archäologie und Living history - Vom "Fund" zur Rekonstruktion
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Ausgrabung eines spät- mittelalterlichen Kugel- topfes - Schaubild (Foto: R. Kasties) |
Kugeltopf aus der, für das Spätmittelalter typischen grauen Irdenware, 13.Jh., Goslar (Foto: R. Kasties) |
 Kugeltopf, zwei Grapen, graue Irdenware, Göttin- gen, Johannisstr. 21-25 4
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Kugeltopf auf Gestell und Grapen, Miniaturen, um 1350, Stiftsbibliothek Lilienfeld, Cod. 151, fol. 33 u. 187
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Grapen, graue Irden- ware, Replik, spätes 20. Jh.
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 Brille, 15. Jh., Messing, Bodenfund London, Dowgate
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 Brille im Etui, 15. Jh., Bodenfund, Norddeutschland |
 Ecce homo, Tempera, Flügel- altar 1495, Südtirol, Bozen- Gries Alte Pfarrkirche
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 Brille im Etui, Rekonstruktion R. Kasties |
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Mittelalterliche Brillen waren nicht zwangläufig immer aus Holz, sondern konnten auch durchaus schon in Metall gefertigt sein. Für eine relativ weite Verbreitung von Metallgestellen sprechen nicht nur der Doppelfund aus einem einzigen Stadteil Londons, sondern auch weitere schriftliche und bildliche Quellen. Den ersten Hinweis auf Brillen mit Metallgestell gibt ein 1322 verfasstes Inventar. Dort ist eine „mit vergoldetem Silber gefasste Brille“ aufgeführt.5 Auch für die, 1395 von Claus Sluter geschaffene Kreuzigungsgruppe für das Grabmal Hz. Philippe den Kühnen von Burgund in der Kartause Champemol lieferte Hannequin de Hacht eine vergoldete, kupferne Brille für den Propheten Jeremias.
Für
diese beiden Beispiele archäologischer Funde und ihrer Rekonstruktion
wurden schon andere Quellengattungen - Bildwerke und Schriftquellen -
herangezogen. Wie wichtig für die Rekonstruktion und ergänzend für die Living history-Darstellung das Heranziehen und Zusammenwirken anderer Quellengattungen sein kann, wird auf der Seite "Quelle & Replik" anschaulich verdeutlicht.
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© Rainer Kasties M.A.
_____________________________ 1 Vgl. Barbara SCHOLKMANN, Das Mittelalter im Fokus der Archäologie, Stuttgart 2009, S. 9. 2 Dies., S. 11. 3 Dies., S. 12. Literatur zum Einstieg: Günter P. FEHRING, Einführung in die Archäologie des Mittelalters, Darmstadt 1987. Ders., Stadtarchäologie in Deutschland. AiD Sonderheft, Stuttgart 1996. 4 AiD Sonderband, Stadtarchäologie in Deutschland, S. 79. 5 “unum par occlalium foltorum de argento deaurato”. Vgl. dazu E. ROSEN, The invention of eyeglasses, in: Journal of the History of Medicine and allied Sciences, XI, 2, (1956), a.a.O., S. 204.
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