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Verwaltung

Entstehung der kommunalen Selbstverwaltung

 

Von den „Gilden“ zur „Schwurgemeinschaft“
Entstanden sind die kommunalen Selbstverwaltungsorgane aus den „Gilden“, die genossenschaftlichen Zusammenschlüsse der Kaufleute. Aus ihrer Führungsschicht, den ‚meliores’ (= „Die Besseren“) wurden die Vertreter der Kommune – die „Geschworenen“ (‚jurati’), Richter (‚judices’) oder Schöffen (‚scabini’) gewählt, welches die älteste Form der Verwaltungsbehörden darstellt. Über diese Vertreter war die Gemeinde an Rechtssprechung und Verwaltung der Stadt durch den Stadtherrn beteiligt.

Die nächste Stufe war die Bildung eines Rates (‚consules’; ab 1100), die zusammen mit den Ministerialen und den hörigen Handwerkern in Schwurgemeinschaften den Kampf um mehr Autonomie aufnahmen. Diese Entwicklung führte im Verlaufe des 12. Jh. zur Herausbildung der Gemeinden (‚universitas civium’; nach 1200communitas’).

Entstehung der Stadträte und Beginn städtischer Selbstverwaltung
Um 1200 trat in Dtschl. das „Konsulat“ erstmalig in Erscheinung; die Quellen sprechen von ‚consilium’ = Rat oder ‚consules’ = Ratsherren. Der Begriff „Patrizier“ ist nicht mittelalterlich. Bis 1250 verfügten schon 150 Städte über einen Rat.

Im 13. Jh. blieb die Verwaltung der ma. Kommunen noch einfach; sie beschränkte sich auf eine verhältnismäßig geringfügige Amtstätigkeit des Rates. Verhandlungen wurden oftmals noch mündlich geführt, so dass kein wesentlicher schriftlicher Niederschlag der Stadtverwaltung aus dieser Zeit vorliegt. Vorgänge, welche die Rechtsstellung des jungen Gemeinwesens betrafen (städtischen Privilegien), wurden in beweiskräftiger Form (Urkunden) aufgezeichnet und sicher aufbewahrt (s.u. "Stadtarchiv").

Verzeichnis der Amtsträger 1480, StA Hannover, Ratsmitglieder, NAB 8292
Verzeichnis der Amtsträger 1480, StA Hannover, Ratsmitglieder, NAB 8292

Verwaltung

Entstehung der Verwaltung und Aufgaben
Grundlage des Aufstiegs der Städte war die Ausbildung eines effektiven Verwaltungsapparates. Im 14. und 15. Jh. entstand im wesentlichen unsere heutigen Kommunalverwaltung. Rat, Ausschüsse, Kämmerei, Ordnungswesen, Registratur, Stadtarchiv
der "öffentliche Dienst" schlechthin – und vieles hat sich bis heute fast unverändert gehalten. 

Alle Aufgaben zur Selbstverwaltung oblagen dem Rat; dieser besetzte die städtischen Posten und Ämter mit Gewährsleuten aus seinen eigenen Reihen oder mit Personen aus den Ratsfamilien. Neben dem Rat als Zentralbehörde bildeten sich für einzelne Zweige der Verwaltung besondere Behörden aus.

Die Aufgaben des Rates umfassten:
a. Gerichtsbarkeit
b. Militär und Verwaltung
c. Ordnung des Wirtschaftslebens (Maße, Gewichte, Preiskontrollen, -festsetzungen, -regulierungen, städtische Vorratswirtschaft)
d. Finanz- und Münzwesen (Kontrolle über die Einnahmen aus Steuern, Monopolen, Mauten, Gebühren, Strafgeldern, Ausgaben für Verwaltung, Verteidigung, Rechtspflege)
e. Bau- und Straßenwesen (Eindämmung der Brandgefahr, Straßenbau)
f. Städtische "Polizei" (Erhaltung der öffentlichen Ordnung, Eindämmung von Luxus, Medizinalwesen, Prostitution)
g. Ver- und Entsorgung (öffentliche Brunnen, teilweise Wasserleitungen und Kanalisation)
h. Schule/Bildung/Kirche


 Verwaltung als „Darstellungsthema“?

Das Thema „Verwaltung“ ist eigentlich nicht sonderlich gut geeignet, um es mittels „Living history“ zu visualisieren. Trotzdem haben wir zwei Teilbereiche aus diesem Themenkomplex herausgegriffen um sie darzustellen.
Das eine ist das städt. Finanzwesen, weil die „Kämmereiregister“, vor allem die welche die Ausgaben (‚uthgave’) verzeichnen, hervorragende sozialgeschichtliche Quellen sind, die völlig unbedarft und objektiv Alltäglichkeiten und Banales überliefern.
Das zweite Thema umfasst die Arbeit des Stadtarchivs und ist deshalb interessant, weil die Archive zum einen die ältesten städtischen Institutionen sind und zum anderen aus ihrer ungebrochenen Überlieferungskontinuität seit dem MA die wichtigste Quellengattung die Erforschung der ma. Stadtgeschichte darstellen - sofern man sie nicht in U-Bahnschächte versenkt.

Stadtkämmerei

De kemmerie'
Die jährlich wiederkehrenden Anforderungen des Stadthaushaltes hatten dazu geführt, Register anzulegen, in denen die Einnahmen (‚upname’) und Ausgaben (‚uthgave’) der Stadt verzeichnet wurden.

Die Finanzverwaltung oblag den Stadtkämmerern. Sie rechneten über die Ein- und Ausgaben in den Lohn-, Marstall-, Pfand- und Rentregistern ab. Neben den Kämmereiregistern gab es Nebenregister, z.B. das Schoßregister, in dem die wichtigste Einnahmequelle, der von den Bürgern gezahlte Schoß verzeichnet wurde.

In Hannover ist die Kämmerei seit 1358 nachweisbar. Bis 1414 waren es zwei, seit 1415 immer drei Kämmerer, von denen einer oder zwei dem Rat angehören mussten. In anderen Städten wurde es ähnlich gehalten, nur die Zahl der Kämmerer schwankte. Da diese Ämter einen hohen Grad an administrativer Sachkenntnis und Verantwortung erforderten, blieben die Kämmerer über mehrere Jahre im Dienst.

Über die besonderen Ausgaben wurde in speziellen Bau- und Lohnregistern Buch geführt.
Abb. re.: StaBI Nürnberg, Mendel I, Amb. 317.2, Folio 62 r.

StaBI Nuernberg, Mendel I, Amb. 317.2, Folio 62 r

Ausgaben der Schreiberei 1480, Kämmereiregister, Kämmerei der Löhne, StA Hannover, NAB 7064 p. 903. De kemmerer de loninge
Der Lohnkämmerer war für die Verzeichnung der Lohnausgaben und zu zahlenden Dienstleistungen verantwortlich. Dazu gehörte die regelmäßige Entlohnung der städtischen „Angestellten“ wie Turm- und Nachtwächter, Holzvogt, Rats-, Fuhr- und Molenknechte. Hinzu kamen Sonderausgaben wie die „Mehraufwandsentschädigung“ für Wach- und Wehrdienste der Bürger, Trinkgelder für Boten (‚oppergeld’), Reisekosten der Ratsherren und Begastungkosten.

Die Mehrzahl der Ausgaben machten aber die Bau- und Unterhaltskosten für die städtischen Einrichtungen wie Wasserversorgung, Mühlen, öffentliche Gebäude (Rathaus, Marstall etc.), Feuerschutz usw. aus. Kosten für „Dienstleistungen“ waren z.B. Abfallentsorgung, Straßenreinigung, Entlohnung des Scharfrichters und seiner Gehilfen, aber auch kleinere unregelmäßige Posten wie „Büromaterialien“ für die Schreiberei (‚scriverie’).
Abb. li.: Ausgaben der Schreiberei 1480, Kämmereiregister, Kämmerei der Löhne, StA Hannover, NAB 7064, p. 903.

Ein wichtiger Posten war der „Verteidigungsetat“, über welchen ebenfalls der Lohnkämmerer verfügte. In den Lohnregistern wurde über den Ausbau und Unterhalt der Verteidigungsanlagen und der Rüstkammer ('muserie'), die Entlohnung der Graben- und Landwehrwächter, der berittenen Ratsknechte – fest angestellte Söldner – und der Schützen Buch geführt. In Krisensituationen wurden zusätzliche Kriegsknechte angeworben, deren Entlohnung und Ausrüstung ebenfalls in den Lohnregistern detailliert aufgelistet ist. Im Falle von Feldzügen kam es vor, dass Lohnkämmerer ebenfalls mit auf die ‚uthjacht’ musste. Er führte dann die Kriegkasse und die Korrespondenz.

Stadtarchiv

Archive (wörtl. übersetzt „Amtsgebäude“) sind Speicher rechtl. Beweismittel und dienen der Rechtssicherung der Stadt als Institution oder von Personengruppen. Sie gehören zu den ältesten kommunalen Einrichtungen (Hannover vor 1300, Speyer 1332, Köln 1408-2009).
Mit dem wachsenden Ausbau der Stadt und ihrer Einrichtungen seit Beginn des 14. Jh. weitete sich auch die Geschäftstätigkeit des Rates und der verschiedenen Amtsstellen aus. Alle Rechtshandlungen wurden nun in schriftlicher und dauerhafter Fassung in den sog. Stadtbüchern niedergelegt. Diese bilden den wichtigsten Bestandteil des Archivs.

In gebundenen Heften - sog. Kopialbüchern - fertigte man Abschriften der städtischen Urkunden an (in Hannover bis 1301 zurückreichend) und der Bestimmungen des Stadtrechtes an. Gleichzeitig entstanden die sog. Bürgerbücher, in welchen die Namen der Neubürger sowie Änderungen und Ergänzungen der Stadtrechtssatzungen eingetragen wurden. Ergänzt wurden die Bestände durch Protokoll-, Hypotheken- sowie Grund- und Amtsbücher.

Freskomalerei, Bozen, 1420-1430, Tramin, Filialkirche St. Valentin am Friedhof

Schon früh erkannte man, dass man in der Lage sein musste, sich über die Rechte der Stadt und ihrer Bürger sofort Auskunft zu verschaffen. Alle Verwaltungsakten, die im Konfliktfall als Beweismittel für Rechts- und Besitzansprüche dienten wurden nun im Stadtarchiv zentriert verwahrt. Die Dokumente wurden in Truhen, Briefladen und Spanschachteln und später in Archivschränken gelagert. Die verschließbaren Truhen ließ man je nach Bedarf für eine Anzahl Urkunden anfertigen. Dem hannoverschen Kämmerei-Register von 1402 ist zu entnehmen, dass 24 Schillinge bezahlt wurden für „Dyderike van dem Stenhaus vor eyne schipkisten, dar man des rades breve inne vorwaren schal“.

Um die Dokumente vor Feuer-, Wasser- und Kriegseinwirkungen sowie Diebstahl zu schützen, deponierte man die schnell wachsenden Bestände an einem gesicherten Ort wie Stadtturm, Kirche, einem speziellem Zweckbau (der Einsturz von Archivbauten ist für das Mittelalter nicht belegt!) oder wie in Hannover seit 1439 im Rathausneubau (nach dem Brand des "Fleischerscharrens", des provisorischen "Stadtarchivs").
Abb. li.: Archivschrank,
Freskomalerei, Bozen, 1420-1430, Tramin, Filialkirche St. Valentin am Friedhof

Um den Überblick zu behalten, begann man mit der Erstellung einer Schriftgutorganisation in Form von Archivregistern und Urkundenfindbüchern (Goslar 1399, Köln 1408, Hannover 1505).

Das Stadtarchiv fiel i.d.R. in den Kompetenzbereich des Kämmerers, seltener des Stadtschreibers. Da Amtsinhaber oft wechselten, kam es vor, dass Unterlagen in dessen Privatbesitz blieben.

So ein Fall veranlasste den hannoverschen Rat dazu, ein Dokumentenverzeichnis der Stadturkunden anzulegen. Denn am 21. Oktober 1505 fanden die Ratsherren Sindorp, Krudener und Dieckmann im Hause des Hans van Lunde wichtige ‚breffe, orkonden unde registre’. Um nicht der Rechtsunsicherheit Vorschub zu leisten, entschied man sich ein Verzeichnis dieser und anderer wichtiger Dokumente anzufertigen. Damit beginnt in Hannover die organisierte Schriftgutorganisation der Stadtverwaltung.
Abb. re.: Ausschnitt aus dem Dokumentenverzeichnis von 1505, StA Hannover, AAA 3366

Dokumentenverzeichnis, StA Hannover, AAA 3366

© RK      
Kemmerer de lonninge
Kemmerer de lonninghe, 2. Hälfte 15. Jh., Ronneburg (2006)

Städtische Finanzverwaltung, 2. H. 15. Jh., Ronneburg (2007)

 


Arbeitsplatz im öffentlichen Dienst, 15. Jh.

Arbeitsplatz im öffentlichen Dienst, 15. Jh.

Archivlade, 15. Jh.

 

 


Mittagspause im öffentlichen Dienst, 15. Jh.

 


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