Umweltschutz, Hygiene, Wasserver- und entsorgung im Mittelalter
Umweltschutz
In der mittelalterlichen Stadt fiel mehr Schmutz und Dreck an als in unseren heutigen Städten. Im Gegensatz zu den gängigen Vorstellungen von Hygiene im MA stand man dem Schmutz und Gestank allerdings wesentlich weniger gleichgültig gegenüber als wir glauben. Unsere heutigen Vorstellungen von den hygienischen Zuständen in ma. Städten beruhen im wesentlichen auf den Berichten aus der Neuzeit (17.-19. Jh.). Dies resultiert daher, dass die ma. Anlagen, die für die relativ überschaubare Einwohnerzahl ausreichend waren, bis zum Ende des 19. Jh. unverändert in Gebrauch blieben und den starken Bevölkerungswachtum in den neuzeitlichen Städten selbstverständlich nicht mehr gewachsen waren. So erklären sich die gängigen Geschichten vom "Nachttopf, der einfach auf die Straße geschüttet wurde". Im Mittelalter ein unerhörter Vorgang, denn hier hatten die Häuser Latrinen und Toiletten (s.u.).
Zu den Aufgaben der Stadtverwaltung gehörte es dafür zu sorgen, dass Müll "sachgerecht" entsorgt, Stadtbäche und Flüsse nur mit löslichen Abfällen belastet wurden und die natürlichen Ressourcen der Stadt - Wasser und Stadtwald - nicht nachhaltigen Schaden nahmen. Mit all diesen Themen befasst sich das recht junge Forschungsgebiet "Umweltschutz im Mittelalter", dessen Ergebnisse erstaunlich sind.
Den Menschen im 14. Jh. entging nämlich nicht, dass die Flüsse verdreckten, die Wälder übernutzt wurden und Krankheiten stärker um sich griffen, wenn viele Menschen auf engen Raum zusammen lebten. Chroniken berichten von verschmutzen Flüssen, toten Fischen, Holzmangel und um sich greifenden Krankeiten und über den Zusammenhang zwischen Wasserqualität und körperlichen Schäden wurde viel spekuliert.
In der zweiten Hälfte des 14. Jh. hatte man aus den Pestzeiten gelernt und zog vielerorts die Konsequenzen. "Industriebetriebe" wurden ausgesiedelt, "Umweltschutzstatuten" erlassen, die Stadtwälder unter Schutz und nachhaltige Nutzung gestellt. Mit Erfolg, denn im 15. Jh. häufen sich chronikalische Meldungen darüber, dass "Flüsse wieder Fische führen", "man wieder Wäsche dort waschen kann" und sich die Stadtwälder erholten.
Da man an die Selbstreinigungskraft des Wassers glaubte, lagen die Entnahmestelle für die städtischen Wasserleitungen an bedenklichen Stellen, in Lübeck z.B. direkt am Schlachthaus an der Wakenitz. Auch das Grundwasser sollte sich selbst reinigen, weshalb Latrinenschächte bis aufs Grundwasser gegraben wurden, was zu einer Verseuchung des Grundwassers führen konnte.
Allerdings scheint man diese Gefahr im Spätmittelalter schon gekannt zu haben. Geruchsintensives und Wasserverschmutzendes Gewerbe wurde aus der Stadt verlegt, und zwar flussabwärts, und man erließ entsprechende Verordnungen, wonach beim Bau von Latrinen die Lehmschicht nicht durchgraben werden durfte. Städtische Bauvorschriften verlangten Isolierung bei der Errichtung von Abortanlagen, zwischen Frischwasserbrunnen und Latrine musste ein Sicherheitsabstand zu gewahrt bleiben.
Die Stadt als Ballungspunkt vieler Menschen produzierte jede
Menge Abfall und Schmutz, der irgendwohin gebracht werden musste. Im
13. Jh. wurde Müll noch gern zum Aufschütten von Niederungen
benutzt, um neues Bauland zu gewinnen. Aber dann musste der Müll
planmäßig entsorgt werden, damit es nicht zu Seuchen und Bränden kommen
konnte. Private Misthaufen mussten nach einer gewissen Frist entfernt,
Schutt und Tierkadaver regelmäßig aus der Stadt gebracht werden. Einige Berufsgruppen produzierten schon richtig gehenden
Industriemüll, der besonders entsorgt werden musste, z.B. Gerber und
Färber, die mit Gerbsäuren und Ätzkalk arbeiteten. Abortanlagen
mussten regelmäßig entleert werden, damit der Kloakengestank eingedämmt
wurde, die wurden Abwässer in gedeckten Leitungen abgeleitet.
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 Straßenpflasterung, mit Abfällen des 13. Jh., Bremen |
 Straßenkehrer. Hausbuch der Mendelschen Zwölfbrüdertstiftung, StaBi Nürnberg, Mendel I, Amb. 317.2, Folio 55 r |
Straßenpflasterung und -reinigung
Wenn
Straßen befestigt wurden, so geschah dies anfangs (10.-12. Jh.) als
„Knüppelbelag“. Die Straßen wurden dabei quer mit Ästen, Erlenstämmen
oder Eichenbohlen belegt. Diese Straßen hatten teilweise auch schon
Entwässerungsgräben und waren zwischen 4,5 und 5,2 m breit.
Seit
dem späten 13. Jahrhundert wurden in Lübeck die Straßen mit großen und
die Bürgersteige mit kleinen Granitsteinen gepflastert. Zwischen diesen
Bereichen konnte das Wasser in Rinnsteinen fließen, eine weitere Rinne
befand sich in der Straßenmitte. Aber auch in den kleinen Städten wie
Goslar und Hannover war Straßenpflasterung im Spätma.
selbstverständlich geworden. Oft pflasterten die Anlieger einer Straße
den Teil vor ihren Häusern. Das Pflaster auf breiten Straßen und
öffentlichen Plätzen war Sache der Stadt, wie die Belege für städtische
Ausgaben für Sand, Holz und Steine zeigen.
Seit
1316 werden in Lübecker Kämmereiregistern Straßenfeger erwähnt. Diese
sollten die gepflasterten Flächen fegen, den Straßenunrat in Mistkisten
sammeln und die Schlammkisten am Fluss säubern. In anderen Städten
wurde die Reinigung der Straßen wurde besonders vor hohen Feiertagen
vorgenommen.
Straßenbeleuchtung
war etwas Besonderes und wurde nur zu besonderen Gelegenheiten
angeordnet, z.B. beim Besuch des Kaisers 1375 in Lübeck: „de luchte bernde ut allen husenunde was so licht in der nacht als in deme dage.“
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Tierhaltung
Schweine
waren aus der mittelalterlichen Stadt nicht wegzudenken, waren sie doch
lebende Fleischreserve und Müllschlucker in einem. Andererseits trugen
sie mit ihrem Mist zur Verschmutzung der Straßen bei und waren
gefährlich für kleine Kinder. 1420 mussten in Lübeck fünf Zeugen unter
Eid erklären, dass das Ohr eines Mitbürgers von einem Schwein
abgebissen wurde, als er ein Kind war, und deshalb kein Kennzeichen für
Diebstahl.
In
vielen Städten wurden deshalb Stadthirten eingestellt, die die Tiere
vor die Stadtmauern brachten, in anderen Städten wurde die erlaubte
Anzahl von Schweinen festgelegt, z.B. durfte ein Bäcker in Leipzig 1393 nur 12 Schweine haben. In Frankfurt durfte man 1421keine
Schweine mehr auf die Straße lassen außer, um sie vor die Stadt oder
zur Tränke zu bringen. 1465 wurde die Anzahl der „Antoniusschweine“, der Schweine der Antoniusbruderschaft, auf 20
festgelegt. War ein Schwein fett, so wurde es gegen ein neues, mageres
ausgetauscht. Ansonsten hatten diese Schweine ein Antoniuskreuz auf dem
Fuß und eine Ohrglocke und konnten so gekennzeichnet durch die Stadt
laufen. In Lübeck beschwerten sich 1466 die Nachbarn eines Bäckers,
weil er seinen Abtritt und auch den Schweinestall im Keller hatte,
„dadorch se in eren huseren gestenket worden“. Dem Bäcker wurde
daraufhin verboten, im Keller Schweine zu halten, und auch sein Abort
sollte baulich verändert werden, um die Nachbarn nicht zu belästigen. |
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Verbot, Schweinekoven auf den Straßen zu haben, 1444. StA Hannover, Statutenbuch, NAB 8234, 244 Buch 4/161.
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Abort / Latrinen / Toiletten
Latrinen
waren mit Holz ausgekleidete oder aus Steinen gemauerte Schächte. Eine
billige Latrine bestand aus eingegrabenen Fässern ohne Boden, in
reichen Städten gab es aus Ziegeln rund oder oval gemauerte Latrinen.
Wenn die Latrine voll war, wurde sie aufgegeben oder geleert. Bei
kleineren Latrinen wurde dazu oft einfach ein zweites Loch gegraben,
der Inhalt der Latrine eingefüllt und das Loch zugeschaufelt. Die
Besitzer großer Latrinen mussten professionelle Hilfe in Anspruch
nehmen.
 Ars Memorandi, Illustrationszyklus Wissenschaft, Böhmen, 1465, ÖNP cod. 5393, fol. 334r |
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Die Müllabfuhr besorgten der Henker, Totengräber, Abdecker oder
ein eigener Berufsstand: der 'Drekvorer', „Pappenheimer“ oder
„Goldgräber“. In festverschlossenen Fässern wurden die Fäkalien dann
aus der Stadt gebracht und als Dung auf den Feldern verteilt oder in
einen fließenden Fluss entsorgt.
Die
Leerung der Kloaken wurde meist nachts und im Winter vorgenommen, damit
die Geruchsbelästigung sich in Grenzen hielt. Die Kosten dafür
entsprachen vierzig Prozent des Jahreseinkommens eines Bauhandwerker
und deshalb wurde oft lieber eine neue Kloake gegraben anstatt die Alte
zu entleeren. Heute freuen sich die Archäologen darüber.
Die
Schächte wurden anfangs so groß wie möglich gebaut, damit sie nur
selten geleert werden mussten, ab ca. 1355 wurden sie eher kleiner
gebaut. Vermutlich gab es städtische Verordnungen nach der Pest.
Der
Abort sollte sich nicht im Haus befinden, sondern außerhalb, und einen
festgelegten Abstand zum Nachbarhaus und den nächsten Brunnen haben.
Über dem Schacht befanden sich Sitzbretter, mit Löchern und Deckel. Ein
in Wismar gefundenes Sitzbrett hatte mehrere Löcher. Vielleicht ist man
gern in Gesellschaft wichtigen Geschäften nachgegangen?
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Wasserversorgung (Brunnen und Hovetpipen)
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Als
Brauch- und Trinkwasser, sowie zum Feuerlöschen war die Stadt auf
Wasser angewiesen. Zur Wasserentnahme dienten die zahlreichen öffentlichen Brunnen in der Stadt. Dies waren anfangs Grundwasserbrunnen, später dann wurden sie vielfach durch die städtischen Schöpfwerke und das damit verbundene Frischwasserleitungssystem versorgt. Weiter gab auch
Regentonnen und Zisternen, in denen das Oberflächenwasser gesammelt
wurde (Tropfenfall).
Aus Grundwasserbrunnen wurde das Wasser mit einem Eimer am Seil
heraufgeholt. Sie waren in Rostock 15 m tief. Eine
einfache Brunnenkonstruktion bestand aus übereinandergestapelten alten
Fässern, die stückweise abgesenkt wurden. Aufwändigere Holzbrunnen
wurden aus Holzbalken gebaut. Sie konnten allerdings nicht lange
genutzt werden weil das Holz anfällig war, und eine Reparatur sehr
aufwändig und kostspielig. Feld- oder Backsteinbrunnen hielten sehr
viel länger. Ab 1400 wurden in Bremen Brunnen aus Backsteinen, die
teilweise aus speziell trapezoid geformt waren, gebaut, und auch unter
dem Rathaus in Wismar befindet sich ein Backsteinbrunnen aus dem 13.
oder 14. Jahrhundert. Teilweise lagen Brunnen auf Grundstücksgrenzen,
so dass sich zwei Nachbarn die Kosten des Brunnenbaus teilen konnten.
Öffentliche Brunnen wurden von den Anliegern unterhalten, und schöne Brunnen waren ein Prestigeobjekt für die gesamte Stadt.
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 Mittelalterl. Brunnentypen, Braunschweig (II Baum- stammbrunnen, 13. Jh.; III Faßdaubenbrunnen, 14. Jh; IV Röhrenbrunnen, 15. Jh.)
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Wasserversorgungssysteme mit künstlicher Hebung des Wassers und Verteilung durch ein Frischwasserleitungssystem sind insbesondere für die norddt. Städte überliefert.
Eins
der ersten belegten Wasserversorgungssysteme gab es in Lübeck. Hier
wurde auf Betreiben der Brauer das Wasser der am Hüxterdamm
aufgestauten Wakenitz mit einem Schöpfrad in einen Hochbehälter
befördert und in ein unterirdisches Leitungsnetz aus Holz ('hovetpipen') gespeist. Später wurden solche Systeme nach Lübecker Vorbild auch in Bremen, Augsburg, Ulm und Hannover gebaut (vgl. Abb. re.).
1302
wurde in Lübeck die zweite Brauwasserkunst vor dem Burgtor errichtet.
Mit diesen Systemen konnten aber nur die Stadtteile auf der
Wakenitz-Seite mit Wasser versorgt werden. Erst der Ausbau der
Hüxterwasserkunst 1531 hatte einen so hohen Turm, dass auch die
traveseitigen Straßen Wasser erhalten konnten.
In Greifswald wurden 1302 Wasserleitungen in Holzkästen als Entnahmestellen in Betrieb genommen. In
Bremen wurde 1394 eine über ein großes Rad laufende Wasserkunst gebaut,
die 212 Häuser mit Wasser versorgte und öffentlich war: „unde de
waterrades mochten bruken alle borghere to Bremen, de id begehrden“.
Die
Pipen genannten Rohre waren aus Eichenholz und U-förmig mit Deckel,
oder durchbohrte Stämme. Die Enden waren überlappend vernagelt und mit
Werg und Blei abgedichtet. Diese Leitungen standen noch nicht unter
Druck, sondern das Wasser floss durch das Gefälle in den Rohren entlang.
Der
Wasserentnahme bei dem "Endabnehmer" dienten die, mehreren Haushalten
zugeordneten Straßensoden. Die waren Holzbohlenbehälter oder
Backsteinzylinder mit einem Leitungssystem durch Muffen. Die
Hausanschlüsse speisten Behälter in den Kellern oder mündeten in mit
einem Wasserhahn versehenen Steigsäulen (vgl. Abb. unten). Abb. li. unten: Lübeck, Eichenholzwasserleitung mit Durchbohrung u. Verbindungsmuffe aus Blei, 15. Jh.
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Wasserentsorgung ('goten')
Das
Vorhandensein von Abzugsrinnen und -gräben für Brauchwasser ist in den
mitteleuropäischen Städten spätestens seit dem 12. Jh. belegt (Goslar,
Konstanz). Seit dem 14. Jh. gibt die schriftliche Überlieferung
ergiebig Auskunft über die Anlage, Pflege und Kosten, z.B. der jährl.
Generalreinigungen (Frankfurt a. M.) oder die Bezahlung von
Grabenmeistern und Grabenfegern (Nürnberg, Hannover).
Die
Abwässer wurden über gedeckte oder eingewölbte Kanäle, Rinnen oder
Gräben abgeleitet. Fließenden Wasser wurde eine große
Selbstreinigungskraft nachgesagt, allerdings waren nur große, schnell
fließende Flüsse für die Abfallentsorgung geeignet. Hierhin wurden die
Abwässerleitungen gelegt. War dies nicht möglich, sollte das Abwasser
auf dem jeweils eigenen Grundstück versickern.
In
Bremen gab es offene hölzerne oder steinerne Rinnen. Beim Bau des
Rathauses 1407 wurde eine Gosse aus Stein erwähnt. Aus Lübeck und
Uelzen gibt es archäologische Nachweise für U-förmige Holzrinnen mit
Abdecksohle, aus Bremen Gossensteine aus Sandstein.
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 Wasserbehälter mit Hahn |
Leider wurden diese Rohre nicht gut gewartet, so dass das Wasser unterhalb der Oberfläche frei floss und für verdreckte Keller sorgte. In Soest ist die Ableitung von Schmutz- und Regenwasser aus der Stadt durch Gräben oder Kanäle, eine Art Kanalisation nachgewiesen. Die gesamte Altstadt war von einem ganzen Netz davon flächendeckend durchzogen. Die Existenz derartiger fortschrittlichen Anlagen ist auch in Straßburg, Basel, Ulm, Köln belegt.
© Hanna Zickermann