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Stadt und Handel

Kaufleute als Stadtgründer
Fast alle ma. Städte haben sich aus Marktsiedlungen entwickelt, die im 9. u. 10. Jh. das Marktregal (=recht) vom jeweiligen Stadtherrn (i.d.R. Kg., Bf., Gf. gelegentl. auch Adel) erhalten haben. Maßgeblichen Anteil am raschen Aufstieg u. Wachstum hatten die Kaufleute.

Schon früh traten in den Marktsiedlungen die Kaufleute ('mercatores') als rechtl. gesonderte Gruppe auf. Wer auf dem Markt Geschäfte tätigen wollte, musste dafür dem Stadtherrn die Marktsteuer entrichten, erhielt aber im Gegenzug die Königsunmittelbarkeit u. damit Freiheit. Schon früh sonderten sich deshalb die Kaufleute rechtl. von den Handwerkern u. Krämern ab; wer die Steuern nicht entrichten konnte blieb als Höriger dem Stadtherrn verpflichtet.

Kaufleute als Eliten
Die Kaufleute erlangten im 11. u. 12. Jh. Zollfreiheiten, niedrige Gerichtsbarkeit, beschränkte eigene Rechtssprechung u. Marktverwaltung. Empfänger dieser Privilegien waren nicht Einzelpersonen sondern „Gilden“, denen  die Aufgaben der städtischen Verwaltung oblagen u. aus deren Führungsschicht die Organe der Selbstverwaltung gewählt wurden. Dieser Gruppe sind definitiv die Kaufleute zuzurechnen, die – mit kurzen Unterbrechungen – bis in das 19. Jh. hinein die städtischen Eliten u. Funktionsträger stellten.

Jean le Tavernier, HSS, Dedikationsminiatur, 1460 - Flämische Straßenszene

Handel im Spätmittelalter
Hauptmerkmal einer Stadt ist die zentrale Bedeutung und der Austausch von Gütern u. Diensten mit dem Umland. Die Marktorte waren zunächst Sammelstellen für Güter aus der Umgebung, die in einem regionalen u. überregionalen Handelsverkehr weitergeleitet wurden. Die Erweiterung des Warenangebots,  Importe od. die Spezialisierung auf bestimmte handwerkl. Produkte auf den lokalen Märkten führten dazu, dass sich die Städte zu Verteilerorten von Produkten aus dem Fernhandel entwickelten.

Fernhandelsprodukte
Fernhandel gab es schon im Frühma., aber im hohen u. späten MA entwickelte er sich zum fast schon globalen System.
Auf der Handelsachse „Niederlande-Italien- Orient“ wurden Seide, Lederwaren, Gewürze, auch Drogen (!), Farbstoffe, Südfrüchte, Baumwolle, Rohrzucker u. Alaun nach Nordeuropa verhandelt. Den Norden Europas versorgte die Hanse; z.B. mit Textilien ( fläm. Tuche) im Austausch gegen Massengüter wie Wachs, Fisch, Eisen, Kupfer, Teer, Pelze, Getreide, Bier etc.
Abb. re.:
Flämische Straßenszene, Jean le Tavernier, HSS, Dedikationsminiatur, 1460.

Zentren des Fernhandels waren vor allem die Handelsmessen (St. Denis [seit 634], Champagne, Ypern, Lille, Brügge, Genf, Antwerpen, Leipzig, Frankfurt a.M.)
Im Spätma. entstanden neue Produktionszentren. Der Fernhandel spezialisierte sich z.B. auf Wolltuche (England, Flandern, Toskana) u. Leinen- u. Barchent (Oberdtschl.). Die Rohstoffe dazu wurden ebf. eingehandelt, z.B. Wolle aus Spanien, Baumwolle u. Alaun aus der Levante od. Bergbaurohstoffe aus Tirol, Böhmen u. Ungarn.
Abb. re.: Verladekran von Brügge, 15. Jh. Hans Memling, Detail Johannesretabel, 1474-79, Memling-Museum, Brügge.

Die „kommerzielle“ Revolution des 13. Jh.
Deren Elemente sind: Vorrang des Handels mit Massengütern vor dem mit Luxuswaren; Übergang zum schriftl. Geschäftsverkehr (Buchhaltung); Trennung der leitenden von der ausführenden Tätigkeit (Sesshaftigkeit des Kaufmann, Vertretung durch reisende Gehilfen bei Fernhandelsgeschäften); Entstehung von mit Fremdkapital arbeitenden Gesellschaften; Herstellung von Fernhandelswaren im Verlag; Aufkommen der Seeversicherung (s.u.) ; Übergang zu bargeldlosen Zahlungsverkehr.

 Hans Memling, Johannesretabel, 1474-79, Memling-Museum, Brügge

Finanzgeschäfte Finanzgeschäfte
Ein weiteres Merkmal des ma. Handelsverkehrs ist die Verbindung von Klein-u. Großhandel; es gab keine Spezialisierung bei der Zusammenstellung des Warensortiments. Eine Folge daraus war, dass Handel u. Finanzgeschäfte zusammengingen. Hervorzuheben ist bei Letzterem die sog. Partenreederei u. das Versicherungswesen (spekulative Investitionen) in die Kaufleute investierten, Anlagengeschäfte im Bereich des öffentl. Finanzwesens, als Darlehensgeber, Steuer- u. Zollpächter, Münzmeister etc. sowie im Bankwesen.

Die Hanse
Seit dem 13. Jh. wird die Bezeichnung zunehmend für die Gemeinschaft der deutschen Städte an Nordseeküste und im Baltikum gebraucht; 1200 machte sich die in Lübeck ansässige Gesellschaft der „Kaufleute des hl. Röm. Reiches“ zum Hauptträger des Städtebundes.
In der 1. Hälfe d. 13. Jh. wurde die Lübecker Hanse in Dänemark, London, Norwegen und Brügge aktiv meist in Zusammenarbeit mit den Hansen von Hamburg, Bremen u. den Elbe und Weserstädten. Im 13. Jh. vereinigten sich die Städte unter Führung Lübecks zur "Deutschen Hanse“. Ein Gründungsdatum gibt es nicht, der Vereinigungsprozess war im wesentlichen bis 1299 vollzogen. Ab jetzt erst spricht man von „der Hanse“. Ab wann eine Stadt als Mitglied der Hanse gezählt wird ist aus den Hanserezessen (Tohopesaten) – den Beschlüssen der Hansetage (Tagfahrten) – ersichtlich. Auch formelle Beitrittserklärungen gibt es nicht
.

Die Hanse stellte sich für die nds. (in den Quellen „sächsischen“) Städte als ein unter Führung Lübecks stehender Verband zur Nutzung von Handelsprivilegien dar – ein relativ locker geknüpftes Netz, das sich aber bei ernsteren Belastungen sofort zusammenziehen konnte (z.B. 1462, 1465-67). Mit Ausnahme von Lüneburg und Braunschweig haben die nds. Städte keine nenneswerte Rolle in der Hanse gespielt.

© RK
Ortsmarkt
Regionaler Wochenmarkt, 14. Jh. Seeth-Ekholter Markt (2007)
Regionaler Handel
Regionaler Handel, "Vechtischer Markt", Jahrmarkt im 14. Jh. (2008)
Fernhandel, Kraweel Lisa von Lübeck, 15. Jh.
Lisa von Lübeck. Nachbau einer Kraweel des 15. Jh. Hafenreenactment Lehe/Bremerhaven (2006)

 

Dokumentation "Geschichte der Nordsee", Teil 1, Hansischer Handel
Dokumentation "Geschichte der Nordsee", Teil 1, Hansischer Handel im 14. Jh. (2009)
Worthkremer, Tempus - Zeit erleben, Dorstadt 2009
Worthkremer (Gewürzkrämer,- händler). Tempus - Zeit erleben, Muli-Period Event Rittergut Dorstadt (2009)

 

Tuchhandel, Tempus - Zeit erleben, Dorstadt 2009
Tuchhandel. Tempus - Zeit erleben, Dorstadt (2009)
Dokumentation "Geschichte der Nordsee", Teil 1, Hansischer Handel
Hansische Kaufleute. Dokumentation "Geschichte der Nordsee" Teil 1






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